"Meine Zeichnungen sind Ausdruck meiner eigenen Unzufriedenheit mit meiner Stadtführung. Ich bin sehr enttäuscht über die Handlungen und Äußerungen meines eigenen Stadtoberhauptes."

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Martin Tazl, Mission Statement, 31.1.2012

 

Interview mit Martin Tazl:

"POLITIKER, ZIEHT EUCH WARM AN..."



Martin Tazl, 38, ist Grafiker und Musiker aus Duisburg. Er hat die Figur „Der Kleine Bürgermeister“ entwickelt, die dem Abwahlkampf in Duisburg Charme, Ironie und viele Sympathien gebracht hat.


Interview: Irina Neszeri



Seit wann und warum hast Du Dich für die Abwahl von Adolf Sauerland engagiert?

Für mich hat es wie für jeden Duisburger den Ursprung in der Loveparade-Katstrophe am 24. Juli 2010. Es ist das Mitgefühl für die Opfer und die Familien. Die Zahlen der Betroffenen gehen in die Hunderte oder eher Tausende, die verletzt und traumatisiert wurden. 

Monatelang stiegen die Betroffenheit und die Wut über den Umgang der Verantwortlichen mit der Katastrophe und den Opfern in mir auf. Ende des Jahres 2011, als der Abwahlkampf richtig startete, habe ich dann meine erste Zeichnung veröffentlicht, auf dem der Weihnachtsmann den OB Sauerland aus der Stadt peitscht.


Über Facebook hat sich die Zeichnung vom „Kleinen Bürgermeister“ rasend per Schneeballsystem verbreitet. Der Rücklauf war riesig, ich habe dann weiter gezeichnet und mehr geliefert. Nachdem ich von Vertretern der Abwahlinitiative angesprochen wurde, bin ich als Zeichner des „Kleinen Bürgermeisters“ mehrfach bei dem Abwahlbündnis im Straßenwahlkampf aufgetreten.

Ich war aber nie Teil des Bündnisses, ich bin nicht nur in keiner Partei, sondern absolut autark. Wir hatten einfach ein konkretes gemeinsames Ziel, nämlich dass der OB abgewählt wird.

Wie erklärst Du Dir das überraschend deutliche Ergebnis?

Für mich war die Höhe des Ergebnisses überhaupt nicht überraschend. Schon zwei Wochen vorher habe ich mindestens 116.000 angepeilt. Von den Parteien hat daran keiner geglaubt.

Weil du als guter Promoter eine optimale Vermittlungsstrategie beherrschst oder weil Du so sicher warst?

Ich hab einfach gespürt, wie das Thema zog, wie die Bürger auf den Straßen gefühlt haben und wie die Medien mit uns umgegangen sind. Diese Abwahl hatte nichts gemeinsam mit einer normalen Wahl, sondern entscheidend war das Gefühl. Den Leuten hat die Seele gebrannt und das Herz geblutet. 130.000 von allen, die so fühlten, haben Adolf Sauerland im wahrsten Sinne des Wortes „mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt“ — im übrigen ebenfalls eine wörtlich vorhergesagte Prognose in meinem Zeichenkurs-Video (siehe rechts), welches meine persönliche, direkte Kampfansage an Herrn Sauerland persönlich war. Ich war mir unseres Sieges im Vorfeld absolut sicher aufgrund dessen, was ich spürte.

Wir haben dieses Jahr 25-jähriges Jubiläum unseres Stahlarbeiterkampfes in Rheinhausen. Dieses Jahr haben die Duisburger wieder die Macht zu kämpfen und ihr Anliegen in die Welt zu tragen. Ich war derjenige, der mit Älteren über 1987 in Rheinhausen gesprochen hat und daran erinnert habe, was wir als Bevölkerung schaffen können. Diese Kraft ist fast vergessen worden.

Ich hab mich noch nie in die Politik eingemischt. Ich hab immer gesagt, wenn ich das mal mache, dann gibt es auch einen Ruck und der Boden wackelt. Das habe ich erreicht mit der Installation meiner Comic-Figur „Der Kleine Bürgermeister“ im Abwahlkampf und meiner offenen Kampfansage, die dann wiederum ganz andere Menschen mitgerissen hat, die sich von meinem Optimismus und meinem Siegeswillen überzeugt fühlten.

Sollte die "Loveparade" ab jetzt für die Neuwahl kein Thema mehr sein, wie Theo Steegmann in der Presse zitiert wird?

Mir würde es reichen, wenn wir aus der Loveparade und den Fehlern lernen. Um die diversen Verantwortlichen kümmert sich jetzt die Staatsanwaltschaft. Ich hoffe, dass sich nach der Abwahl der eine oder andere städtische Mitarbeiter jetzt freier an der Aufklärung beteiligen kann. Auf keinen Fall möchte ich, dass einer von denen, die mitverstrickt in die Fehlentscheidungen waren, nun auf den Posten des Oberbürgermeisters kommt.

Welche Botschaft sendet die Abwahl an BürgerInnen und an die Parteien?

Für die Parteien bedeutet die Abwahl folgendes: Zieht Euch warm an! Das heisst, strengt Euch an, seid vorsichtig, besinnt Euch auf das, worum es wirklich geht und wendet die richtigen Werkzeuge an: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Gradlinigkeit, Authentizität und Loyalität. Das beinhaltet auch den Mut zum Anecken und im eigenen Gesicht auch eine Narbe zu ertragen. Wer sich da nicht dran hält, riskiert den großen Stiefel der Bürger, der ihn aus dem Amt tritt.

Duisburger sind in der Lage ganz viel auszuhalten und ganz viel einzustecken. Aber wenn uns die Ehrlichkeit und die Anständigkeit fehlen, dann raufen wir uns zusammen und drehen die Windrichtung um, das sollte jeder wissen, denn wir haben es jetzt mehrfach bewiesen.

Die Botschaft für die BürgerInnen ist unglaublich wichtig. Und darauf haben die Duisburger nicht erst seit der Loveparade gewartet. Die Loveparade war aber das Ereignis, das uns allen das Herz gebrochen hat. Und viele gebrochene Herzen brauchen lange zur Heilung. Deswegen war es so wichtig, den wahrhaft fetten Splitter Sauerland aus der Wunde zu ziehen, damit wir einen echten Neuanfang wagen können.

Die Botschaft brauchten wir schon viel länger, nämlich welche eigene Kraft und Stärke wir als Duisburger haben. Das letzte Mal haben wir dieses Miteinander 1987 gespürt und das im Laufe der Zeit völlig vergessen: Seht her, zu welch Kraft und Stärke wir Duisburger in der Lage sind. Und seht her im Lande, es sind mal wieder wir Duisburger, die es vormachen!

Heutzutage haben fast alle Menschen nur noch Angst. Die Abwahl hat das ängstliche Schweigen gebrochen.