(gle/Katharina Schwabedissen) Begeisterungsstürme fluteten den Landesparteitag DIE LINKE. NRW bei der Rede von Oskar Lafontaine. Und noch einmal stellte Oskar Lafontaine klar: "Selbstverständlich sind wir für eine gerechte Aufteilung der
Arbeit. Selbstverständlich sind wir für die Gleichstellung der Frauen in Beruf und Gesellschaft. Selbstverständlich sind wir dafür, dass wir eine Ordnung aufbauen, in der jeder die Möglichkeit hat, Familienarbeit zuleisten, in der jeder die Möglichkeit hat, sich politisch zu betätigen, in der jeder die Möglichkeit hat, für sich selbst etwas zu tun, sich weiterzubilden und Erwerbsarbeit zu leisten -- jawohl, das sind wir!"Was aber folgt darauf für eine Partei mit dem Namen DIE LINKE? Eine Entgegnung von Frigga Haug:
Vom Kern zu den späteren Früchten? Notiz für Oskar Lafontaine
In seiner bewegenden Rede über Demokratie, Eigentum, Finanzmärkte, Lohnpolitik, Energie und Freiheit auf dem Parteitag 2011 in Mülheim an der Ruhr, meiner Geburtsstadt, sagt Oskar Lafontaine: „Und hier will ich auch eine Kernfrage unserer Diskussion ansprechen: Selbstverständlich sind wir für eine gerechte Aufteilung der Arbeit. Selbstverständlich sind wir für die Gleichstellung der Frauen in Beruf und Gesellschaft. Selbstverständlich sind wir dafür, dass wir eine Ordnung aufbauen, in der jeder die Möglichkeit hat, Familienarbeit zu leisten, in der jeder die Möglichkeit hat, sich politisch zu betätigen, in der jeder die Möglichkeit hat, für sich selbst etwas zu tun, sich weiterzubilden und Erwerbsarbeit zu leisten – jawohl, das sind wir!“
Das fasst in klaren Worten den Sinn der Vier-in-Einem Perspektive zusammen. Höchstens könnte man ergänzen, dass die herrschende Anordnung der vier Bereiche als Herrschaft und ihre Änderung als Befreiungsprojekt gesehen werden müssen. Keine der Möglichkeiten kann schadlos ohne die anderen drei gelebt werden. Das Einverständnis wird unterstrichen mit dem emphatischen „Jawohl, das sind wir“. Also kein Wenn und Aber. Doch sieht es so aus, als sei dies ein Aufbauprojekt in der Ferne und als Realpolitik kommt heraus: gerechte Arbeitsteilung und Gleichstellung in Beruf und Gesellschaft für Heute. Das Auseinanderreißen von Nahziel und Fernziel schiebt die Befreiungsperspektive in eine Zukunft, die nicht gewinnbar sein wird, wenn wir nicht hier und jetzt eine Vorstellung vom guten, vom menschenwürdigen Leben haben. Oskar stellt fest:„Aber der Kern unserer Auseinandersetzung ist das Lohnverhältnis, das darin besteht, dass dem Arbeitnehmer mehr abgenommen wird, als ihm abgenommen werden darf, wenn es gerecht in einer Gesellschaft zugehen soll. Und das ist geschlechterübergreifend – das Lohnverhältnis ist die Kernfrage jeder linken Bewegung. Anders übersetzt: Dass eine Minderheit reich wird, weil die große Mehrheit für sie arbeitet. Das ist die Kernfrage unserer Programmatik. Auf die Gefahr hin, allzu Professorinnenhaft zu erscheinen, erinnere ich, dass das, was Oskar als Kern der Ungerechtigkeit bezeichnet, „dass dem Arbeitnehmer mehr abgenommen wird, als ihm abgenommen werden darf“, Vorstellungen vom „gerechten Lohn“ aus der Zeit des Gothaer Programms zurückruft, den Lassalleschen „unverkürzten Arbeitsertrag“, seiner „gerechten Verteilung“, gegen die Marx vor 140 Jahren polemisierte. (Kritik des Gothaer Programms, MEW 19, 15ff) Hier geht es aber nicht um Recht und Unrecht, sondern um die Triebkraft, die die kapitalistische Gesellschaft vorantreibt, dass nämlich die Arbeitenden mehr Wert schaffen, als sie zur eigenen Reproduktion brauchen. Unsere Kämpfe um Mindestlohn, um Gleichstellung, um Löhne und Arbeitsplätze werden innerhalb des Kapitalismus geführt. Sie vermehren also das Lohnverhältnis. Dass eine Minderheit reich wird und die große Mehrheit für sie arbeitet, ist die Struktur des Kapitalismus. Es ist richtig und wichtig, daran zu erinnern. Aber dies sollte nicht zusammengeworfen werden mit der in den letzten 30 Jahren erfolgten schleichenden Zurücknahme des schon Erkämpften - Länge des Arbeitstags, Rente, Gesundheitsversorgung. Die Lohnquote sinkt und der Reichtum der wenigen wird gigantisch potenziert. Öffentliche Güter werden privatisiert, der Sozialstaat abgebaut und all dies trifft über die Maßen Frauen, zumal die Masse der „Alleinerziehenden“. Die kontinuierlich steigenden Preise der Lebensmittel treffen die Ärmeren als Katastrophe. Die Krise kann als Lehrmeisterin erfahren werden. Wenn „das Lohnverhältnis die Kernfrage unserer Programmatik“ ist und wir darunter jetzt nicht den „gerechten Lohn“ verstehen, sondern die Infragestellung des Strukturzusammenhangs, muss das Programm eine antikapitalistische Zielsetzung vorweisen. Selbstverständlich ist dies Konsens. Aber es bleibt die Frage, wie dieser Kampf zu führen ist, wenn er nicht sich auf die bloße Verlautbarung und wechselseitige Versicherung beschränken will. Die nötige Diskussion dreht sich nicht um den „Kern“, sondern um die Frage des Wegs.Die von Oskar eingangs betonte Zustimmung für den Aufbau einer anderen Gesellschaft ist in Kämpfe heute zu verwandeln, denn ohne sie wird es keine Hegemonie, also keine Zustimmung für den antikapitalistischen Kampf geben.Die Vier-in-Einem-Perspektive basiert auf der Infragestellung von Lohnarbeit und Kapital und fragt nach dem Wie heutiger Kämpfe und dem Woher der Konstellation.Die zentrale Frage ist: Wie reproduziert sich diese immer offensichtlicher ungerechte kapitalistische Produktionsweise? Wie leben die Menschen diese Verhältnisse? Woher kommt ihr Einverständnis mit diesen Verhältnissen, und wo sind die Knotenpunkte, die sie daran fesseln? Die Antwort lautet: das Ineinander von kapitalistischer und patriarchaler Herrschaft lässt die Menschen an der Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise sich beteiligen. Kapitalismus bedeutet nicht nur Profitmachen aus der Lohnarbeit, er bedeutet zugleich Ausbeutung von Mensch und Natur ohne zu zahlen, außerhalb der Lohnarbeit. Hier sitzen geduldig Frauen und erledigen recht und schlecht das Notwendige. Sie werden in der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ zerrieben. Das Zivilisationsprojekt wird immer unmenschlicher, da die Einsparungen im Sozialstaat Bildung, Gesundheit und die Chancen der jungen Generation betreffen. Wachsende Kinderarmut heißt kultureller Ausschluss, Vereinsamung, Verrohung bis zur in Kauf genommenen kompensatorischen Zusammenrottung in Banden. Frauen sind in diesem Herrschaftsknoten an strategischer Stelle gefangen. Der Knoten ist zu lockern, sobald sie ihre gewohnheitsmäßige Zustimmung zum „zweiten Arbeitstag zuhause“ in den Kampf um eine für beide Geschlechter lebenswerte Anordnung der Bereiche verwandeln.Daher gilt es, die in der Gesellschaft im Gesamt geleisteten Arbeiten zu besichtigen und die Kämpfe heute um die Verfügung über Zeit zu führen: für die Verkürzung der Lohnarbeitszeit, gegen die Verfügung der Männer über Körper und Zeit von Frauen, für das Recht von Frauen und Männern auf Selbstentwicklung und Zeit für politische Einmischung. Der Kampf um Zeit trifft alle. Die Lohnarbeitszeit darf die anderen Zeiten nicht auffressen. Das gilt schon heute, nicht erst in der fernen Zukunft. Er ist innerhalb des Kapitalismus zu führen, wenn auch nur in dem Maße zu gewinnen, in dem er die Ausbeutungszeit, also die Grundlage der Profite einschränkt und zugleich damit die Selbstermächtigung der Menschen stärkt. Um den Kampf um die Zurückdrängung der Lohnverhältnisse führen zu können, brauchen wir ein Konzept, welches die stärksten Sehnsüchte und Gerechtigkeitsvorstellungen der Menschen umfasst. Sie beziehen sich auf ein menschenwürdiges Leben in allen Bereichen, in denen die Menschen tätig sind: dem Bereich der Erwerbsarbeit, dem des fürsorglichen Miteinanders, dem der Selbstentwicklung und dem der politischen Gestaltung der Gesellschaft.