18. August 2011 Von den Frauen der Dialektikgruppe (i.V Frigga Haug und Pamela Strutz)

Erwiderung auf den Beitrag von Ida Schillen „Feminismus für alle“

Frigga Haug

Die 4in1 Perspektive von einer starren Vorstellung der Vierteilung gleich hier und heute zu denken führt auf den falschen Weg. „4in1 ist ein Projekt der Gesellschafts- und der Selbstveränderung.“, so Frigga Haug. Es geht um den Umbau der Zivilgesellschaft. Dabei setzt 4in1 am zentralen Herrschaftsknoten an, der unsere kapitalistische Gesellschaft zusammenhält: der Klassenfrage, der Geschlechterfrage, der politischen Regelung und der Entwicklung jeder und jedes Einzelnen. Wie viel Zeit ist bei der derzeitigen Produktivkraftentwicklung notwendig, um die Gesellschaft zu reproduzieren? Diese Frage stellt Marx im Rahmen einer Ökonomie der Zeit.

Der Reichtum einer Gesellschaft ist auch daran zu messen, wie viel „disposable time“, also wie viel frei verfügbare Zeit die einzelnen bei der Sicherung ihres Lebensunterhalts haben. Das Projekt 4in1 orientiert also auf unsere Lebensweise, auf die Arbeitsteilung, auf unser Zeitregime und die darin eingebettete eigene Entwicklung, auf politische Einmischung. Die bisherige Teilung der Arbeit wird zum Schaden der meisten strukturell durchgesetzt: der durch die Produktivkraftentwicklung enorm gewachsene Reichtum der Arbeit schlägt auf einen Teil der Arbeitenden als Arbeitslosigkeit zurück, statt dass die einzelnen frei gelassen werden aus dem Zwang des Acht-(oder mehr)-Stunden-Tages, um so die anderen Lebensbereiche, die liegen gelassen wurden oder unentgeltlich Sache der Frauen sind, zu ergreifen. So ist das 4in1-Projekt gleichzeitig ein kulturelles, auf die Veränderung der Lebensweise abzielendes UND ein kapitalismuskritisches Projekt, weil es die spaltende Teilung der Arbeit in der Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft aufgreift. Die 4in1 Perspektive ist ein Projekt, das Hegemonie braucht. Es setzt darauf, dass gesellschaftliche Veränderung dann möglich ist, wenn die Vielen beim Verändern politische Gestaltungsmöglichkeit erlangen und dabei (beim Machen) ihre eigenen Bedürfnisse verändern. Von daher hat es keinen Sinn, davon auszugehen, dass Menschen durch 4in1 bevormundet werden. Das wäre so, als argumentiere man, jeder „anständige Arbeiter“ brauche doch einen „Vollzeitarbeitsplatz“, weil sonst seine Identität zerbricht, sein Stolz abhanden kommt, seine Familie nicht mehr zu ernähren ist usw. Man merkt schnell, dass diese Argumentation in eine absurde Richtung führt. Die heutigen Menschen können erkennen, dass mehr als Lohnarbeit ihr Leben füllt (und tun es auch schon). Durch die Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit verändert sich auch ihre Bedeutung für das Leben und die Identität des Einzelnen. Verbringt man also mehr Zeit im menschlichen Zueinander, werden die Qualitäten und Entwicklungsmöglichkeiten dieses Bereiches deutlich. Und nur so werden sie auch unverzichtbar für das Leben eines jeden einzelnen Menschen. Um also Verantwortlichkeiten in allen Bereichen des Lebens neu zu ordnen und Mentalitäten zu verändern, braucht es Zeit! Der Blick, den die 4in1 Perspektive dabei einnimmt, kommt historisch von weit her und besichtigt gewordenen Strukturen, an denen die Menschen selbst mit ihren Persönlichkeiten beteiligt sind. In 4in1 fallen also die Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Selbstveränderung der Menschen sichtbar in eins. (Marx, Feuerbachthesen) 4in1 orientiert als Projekt auf ein „Fernziel“ (nach Rosa Luxemburg), welches zu seiner Realisierung die Überwindung des Kapitalismus voraussetzt. Zugleich ist es ein praktisches Projekt, denn es gibt Orientierung für die Schritte, die hier und heute politisch als „Nahziel“ zu gehen sind. 4in1 versucht eine ungewöhnliche Reformulierung sozialistisch-demokratischer Ziele. Dabei kommt es auf die Verknüpfung der in 4in1 formulierten Bereiche an: bei allen Fragen im Zusammenhang mit 4in1 ist es wichtig, sie im Gesamtkontext von 4in1 zu stellen und nie einen Bereich alleine zu betrachten. Eine isolierte Betrachtung einzelner Bereich führt fast automatisch zu reaktionären Lösungen und bringt die Menschen nicht weiter. 4in1 ist eine universelle Perspektive, formuliert für alle Menschen. Sie wurde auch schon international diskutiert mit Frauen aus sechs Kontinenten und 19 Ländern. (Vgl. Briefe aus der Ferne, Hamburg 2010) Natürlich wollen wir Entwicklungszeit, politische und Reprodukionszeit auch für die Bäuerin in den Anden – was jeweils lokal, kulturell verschieden ist, ist die Art und Weise der Kämpfe. Da die 4in1-Perspektive unbedingt ein Projekt für die Menschen ist, das sie selber machen, gibt es keine Vorgaben, was die einzelnen jetzt zu tun haben. Das bestimmen sie selbst. 4in1 ist die Anstrengung, eine wirklich allgemeine Politik für alle anzuzielen, gerade deswegen, weil sie vom Standpunkt der Frauenarbeit in der Gesellschaft formuliert ist. Es geht darum, nicht zu vergessen, dass „die Entwicklung eines jeden Voraussetzung der Entwicklung aller ist“(Marx), dass schließlich der Grad der menschlichen Emanzipation ablesbar ist an der Frauenbefreiung, weil hier die Überwindung eines brutalen Verhältnisses eines jeden gegen jede am sichtbarsten wird. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, die auf die unmittelbaren Lebensfragen der Menschen und ihrer Umwelt verwandte Arbeit auf eine gleichrangige Position zu ziehen. Damit wird klar, dass die Frauen, in deren Verantwortung diese Bereiche geschoben sind und die sie unentgeltlich verrichten, am meisten zu gewinnen haben. Vor ihrem Standpunkt aus ist klarer sichtbar, dass die Aufwertung und Gleichverteilung des Reproduktionssektors nicht nur mehr Menschlichkeit ins Leben aller bringt, sondern ihnen selbst überhaupt erst ermöglicht, das Leben mit beiden Händen zu ergreifen. Die feministischen Kämpfe auf die Kämpfe um Zeit zu orientieren, ist also keineswegs eine Reduktion oder eine Vereinfachung. Im Gegenteil, es geht darum, den weiblichen Standpunkt einzunehmen, damit er ein allgemeiner wird. Wer Kämpfe um Zeit für harmlos  erachtet, sollte einmal den Versuch machen, etwas davon durchzuführen. Mal abgesehen davon, dass die Vorstellung, feministische Sozialistinnen könnten die „Verteilungsprobleme lösen“ eher einem Wunderglauben gleicht, ist es schlichtweg falsch, zu behaupten, auf ungleiche Löhne, un- und unterbezahlte Frauenarbeit und ungleiche Eigentumsverhältnisse zwischen Frauen und Männern gebe 4in1 keine Antwort. Die Gleichrangigkeit aller Lebensbereiche innerhalb von 4in1 setzt voraus, dass alle einen Erwerbsarbeitsplatz mit stark verkürzter Zeit haben, von dem sie gut leben können. Hier ist es erstmal (insbesondere für GewerkschafterInnen) verwunderlich, dass dies nicht in einem Zug mit der Forderung nach vollem Lohnausgleich gesprochen wird. Aber es ist gerade wichtig, dies nicht ohne Not zu tun, weil die Löhne höchst ungleich und ungerecht sind und die Bedürfnisse sich verändern. Was zu einem guten Leben gehört, ist selbst Aushandlungsprozess in demokratischer Teilhabe. Erst wenn die Einzelnen nicht mehr acht Stunden oder mehr in der Erwerbsarbeit verbringen müssen, werden sie frei, dass sie alle im Mensch-Mensch-Bereich tätig sein können. Dafür zu kämpfen, dass dieser Bereich der Reproduktion nicht einfach ein Abfallprodukt der profitgetriebenen Produktion wird, dafür braucht es den weiblichen Standpunkt. 4in1 hat nicht den Anspruch, umfassend und sofort Antworten und Lösungen zu präsentieren. Als Projekt der Veränderung und Selbstveränderung geht es bei 4in1 darum, Verantwortlichkeiten neu zu ordnen und Mentalitäten zu verändern. Das betrifft auch die von Ida Schillen angesprochenen Kernforderungen (Recht auf den eigenen Körper, §218, …), die allerdings selbst als solche zu sprechen schon wieder eine Geschichtsklitterung ist. Die Feministinnen der Zweiten Frauenbewegung wollten eine andere Gesellschaft, waren also zutiefst kapitalismuskritisch. Mit dem Frauenstandpunkt brachten sie zudem die Fragen von Körper und Gewalt auf die Tagesordnung. In keinem Programm der Welt werden sogleich Lösungen angeboten. Die historische Analyse zu Beginn des Textes „Kämpfe um Zeit“ ist notwendig, um gewordenen Strukturen zu besichtigen, an denen die Menschen mit ihren Persönlichkeiten beteiligt sind. Die Entstehung des Kapitalismus und sein Verfestigung der spaltenden Teilungen der Arbeit in Männer- und Frauenarbeit, Stadt und Land, Kopf und Hand, Arbeit und Nichtarbeit muss angeschaut werden, um von dort aus die Notwendigkeit zu formulieren, dass die Teilung der Produktion in die Güterproduktion, in der Profit gemacht werden kann und eine zweite, in der das Leben selbst ebenso wie die natürlichen Bedingungen des Lebens in einer anderen Zeitlogik reproduziert werden und die nach kapitalistischen Kriterien wenig gilt, weil in ihr nicht soviel Profit gemacht werden kann, anders organisiert, bewusst geplant und von allen getragen werden muss. Nicht zuletzt soll in unserem Programm die Forderung und Perspektive wieder aufgenommen werden, dass die „Entwicklung eines jeden Voraussetzung der Entwicklung aller ist“. Und endlich brauchen wir Zeit, das Erbe der Teilung in Kopf- und Handarbeit, also die politische Bevormundung, die wir heute als Stellvertreterpolitik weiterführen, wenigstens als Perspektive in Luxemburgs Sinn so zu überwinden, dass alle Zeit haben, Gesellschaft selbst zu gestalten – also Politik zu machen. Solches nicht immer wieder zu vergessen, auch dafür taugt die Vier-in-einem Perspektive.

Nachtrag zur Kritik von Ida Schillen an der Vier-in-Einem Perspektive:

Ida Schillen kommt das Verdienst zu, darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass der Vier-in-Einem-Perspektive die Fragen der großen Arbeitsteilungen zugrundeliegen, die in der Präambel nachgezeichnet werden. Sie erkennt die Präambel als Begründung für die Aufnahme der Vier-in-Einem-Perspektive ins Programm der LINKEN. Der Anspruch, dieses in die Kämpfe um ungleiche Löhne und gegen Gewalt zu verlängern, verspricht Mitarbeit an dem großen Projekt, die Geschichte von Herrschaft und Befreiungskämpfen aufzunehmen ins Programm der LINKEN -  auch die von Frauen –,  um dann konkrete Forderungen für die tägliche Politik  herauszuarbeiten. In ihrer schlussendlichen Absage, dass Kämpfe um Zeit nicht ins Programm gehören aber, nimmt sie offenbar Abschied von den grundlegenden Bestimmungen von Marx und auch von Engels. "Letztlich", sagt Marx in seinen Theorien über den Mehrwert, „löst sich alle Ökonomie auf in die Ökonomie der Zeit". Was heißt das? Die Analyse der Produktionsverhältnisse zeigt, es geht schließlich und endlich darum, sich die Zeit anderer anzueignen, auszubeuten (das ist Herrschaft) und umgekehrt, Zeit wieder zu gewinnen in Befreiungskämpfen. Letztlich geht es um die Regelung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse in der Perspektive einer freien Assoziation von Produzenten, die – durch Entwicklung der Produktivkräfte, die notwendige Arbeit so weit als möglich verkürzen und das Notwendige in menschlich angemessener Weise gestalten und auf alle verteilen. An anderer Stelle sagt Marx (mit Engels) zu den Geschlechterverhältnissen: „in der Familie“ sei „das erste Eigentum“, welches „hier schon vollkommen der Definition der modernen Ökonomie entspricht, nach der es die Verfügung über fremde Arbeitskraft ist.“ (Deutsche Ideologie, 32) Herrschaft, Ausbeutung, Eigentum kommen aus der Verfügung über die Arbeitskraft. Dies aber ist eine Verfügung über Zeit. Streiten wir gegen die Verfügung über die Arbeitskraft anderer und verfolgen historisch die Geschichte der Arbeitsteilungen und ihren Befestigungen und Grenzziehungen und beginnen unser Programm in diesem Spannungsrahmen, so werden uns weder die Lohnarbeit noch die Frauenfrage entgehen, sondern in ihrer Verschränkung und grundlegenden Bedeutung für alle Kämpfe auffindbar sein. Warum denkt Ida Schillen, dass die Beschäftigung mit Zeit nicht viel mehr als Zeitvertreib sei und daher ungeeignet für ein Programm der LINKEN? In ihrer Begründung schafft sie spielweise  ein paar Arbeiten ab – „Kochen, Waschen, Putzen“, um  Selbstbestimmung an die Stelle zu setzen und erkennt in der Anordnung der Vier-in-Einem-Perspektive, die tätige Zeit gerecht auf die wesentlichen Bereiche der Lebensmittelproduktion (Lohnarbeit), Reproduktion (Fürsorge für alle), Selbstentwicklung, Politik zu verteilen, eine „Bevormundung“. Freiheit ist Selbstbestimmung, lautet ihr Gegenargument sowohl gegen die 4in1-Perspektive wie gegen die Kämpfe um Zeit.  Zudem sei die „Reduktion der feministischen Kämpfe auf einen Kampf um die Zeit vereinfachend und verharmlosend.“ Allerdings kommt ein solcher Begriff von freier Selbstbestimmung des Individuums aus dem Liberalismus, in dem ein jeder Unternehmer seiner selbst ist, als Quelle von Autonomie und Selbstverwirklichung. Gegen dieses liberale Versprechen, jüngst stark aktualisiert im Neoliberalismus, haben Marx und Engels und die folgenden gelehrt, die Bedingungen zu untersuchen, in denen die Menschen gemeinsam ihr Leben organisieren und darin um die Verfügung über Zeit kämpfen. Dieser Kampf ist keineswegs harmlos, sondern schwer und wird auf gewaltsame Gegenwehr stoßen. Es ist der zentrale Kampf für ein linkes Projekt. In einer Hinsicht aber hat  Ida Schillen Recht. Man kann den Freiheitsbegriff ebenso verharmlosen, in „ich tue, was ich will“, wie den Begriff der Selbstbestimmung in „ich bestimme über meine Zeit, wie ich will“. Also gilt es auch unter uns zu streiten gegen die Illusion des „freien Willens“ für die Aneignung und Politisierung der beiden Begriffe Freiheit und (kollektive) Selbstbestimmung, die Kämpfe gegen Kapitalismus und Herrschaft sind.
Dialektikgruppe (FH)

Selbstbeschreibung der Autorinnen:

Die Dialektikgruppe ist eine offene Gruppe von Frauen, die in erster Linie Dialektisches Denken studieren, um ihr Denken und damit auch ihre politische Handlungsfähigkeit zur erweitern. Wir treffen uns in der Regel einmal im Jahr zu einem Symposium, das eine Woche intensiven Studiums ist, u.a. über Marx, Luxemburg, Gramsci, Brecht . Ein  gemeinsames Projekt ist die Vier-in-Einem-Perspektive und damit die feministische Ausrichtung der Politik der LINKEN und ihrer Programmatik. Wir sind strömungsübergreifend und haben uns unter dem Dach des Berliner Instituts für Kritische Theorie einen Ort geschaffen, von dem aus wir im vergangenen Jahr zum zweiten Mal eine feministische Herbstakademie in Esslingen durchgeführt haben, die in diesem Herbst erneut stattfinden wird unter dem Thema: Kämpfe um Zeit und um Liebe.  (siehe auch hier).“