Gisela Notz: Rebellinnen im Männerbund

Linkssozialistische Frauen


Manuskript des Redebeitrags auf der Tagung „Linkssozialismus“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW am 11. und 12. Dezember 2009 in Duisburg

 

Mein Referat steht unter der Überschrift

"Problemfragen sozialistischer Politik nach 1945"

Dazu gehört die Geschlechterpolitik?! Die Auseinandersetzungen um die Geschlechterfrage prägen die Geschichte insgesamt und sie haben Folgen bis heute. Die Geschlechterfrage sollte eigentlich „Querschnittsaufgabe“ und keine Problemfrage sein. Denn Frauen spielten in der Geschichte des deutschen Linkssozialismus ebenso eine Rolle, wie in der Internationalen Arbeiterbewegung, im spanischen Bürgerkrieg, bei den Linkssozialistischen Strömungen und Alternativen in der und zur SED – alles Themen, die auf dieser Tagung behandelt wurden. Auch Frauen kritisierten die Sozialdemokratie seit den 1950er Jahren und bestimmten die linkssozialistische Erneuerung der Gewerkschaftspolitik und der Bildungsarbeit ebenso mit, wie die Debatten im Sozialistischen Büro und um die Wirtschaftsdemokratie und sie hatten immer auch gegen linken Antifeminismus zu kämpfen, auch wenn sie in der linken Geschichtsschreibung der (meist) männlichen Historiker kaum in Erscheinung treten.

Nach reichlichen Überlegungen im Vorfeld zu dieser Konferenz, habe ich mich entschlossen, nicht über die Frauen der Internationalen Arbeiter-Assoziation (1864 – 1872), die bereits gegen die Internationalen Linkssozialistischen Antifeministen kämpften, auch nicht über die Sozialistische Fraueninternationale, die sich 1907 gründete um ihrem Begehren nach dem Frauenwahlrecht zum Durchbruch zu verhelfen, auch nicht über die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung, die sich 1952 gründete, weil die Frauen, nicht verstehen konnten, dass die Linken schon wieder dabei waren, die Wiederbewaffnung zu schlucken. All diese Frauenzusammenschlüsse und noch andere hätten einen Vortrag verdient, ebenso wie einzelne Frauen. Auch Lisa Abendroth-Hörmeyer war immer mehr als „die Frau von“ Wolfgang Abendroth.

Ich habe mich entschlossen, zum wiederholten Male über die „sattsam bekannten Tomatenwürfe der SDS-Frauen als immer wieder zitiertes Urerlebnis“ [1] zu sprechen.

Am Beispiel der SDS-Frauen wird am ehesten deutlich, was Frauen an den alten und neuen Sozialisten kritisiert haben und wie sie ihre eigenen Standpunkte entwickelt haben.


Die Frauen der 1968er Bewegungen

Heute wird die neue Frauenbewegung auch in der Öffentlichkeit vollständig mit Alice Schwarzer assoziiert. Das resultiert u. a. daraus, dass in der im letzten Jahr vielfältig geführten  Diskussion um die 1968er die Frauenbewegung nur sporadisch ins Blickfeld kam: Helke Sander beschreibt das so: „Meist in der Form, dass auch eine Frau zu den Veranstaltungen eingeladen wird und sich innerhalb des traditionellen Diskussionsrahmens, in dem sie außer ihrer Anwesenheit keine Rolle spielt, auch äußern kann.“ Helke Sander kritisiert, dass - obwohl Alice Schwarzer das selbst besser weiß – sie immer wieder den „falschen Eindruck, 1971 die Frauenbewegung in die verschlafene Bundesrepublik gebracht zu haben“, bestärkt.[2] Helke Sander verweist darauf, dass die „drei unterschlagenen Jahre“, nämlich von 1968 bis 1971 bedeutsame Weichen stellten und ein interessantes Bild vom Entstehen und Umformen politischer Bewegungen zeigen. Mit Umformen meint sie, „wie sich politische Bewegungen verengen und dogmatisieren, in dem Augenblick, wo es den Leuten dämmert, wie schwierig es wird, die freiheitlichen Utopien in die Realität umzusetzen.“[3]   

Die Entstehung der „Neuen Frauenbewegungen“ ist aus der Kritik der linkssozialistischen studentischen Bewegungen von 1967/68 zu verstehen. Schließlich waren die (zunächst) beteiligten Frauen Teil der Studentenbewegung.[4] Sie wollten daher auch nicht bekämpfen, sondern Theorien und Verhaltensweisen attackieren, nach denen Frauen sich unterordnen, anpassen oder Männern dienen sollten.[5] Sicher haben die Frauenbewegungen auch wichtige Impulse aus der amerikanischen und französischen Frauenbewegung empfangen, denn auch dort entwickelte sich ein „feministisches Bewusstsein“. Die links-sozialistischen Frauenbewegungen hatten immer auch eine internationale Perspektive, auch wenn sie durch länderspezifische historische Bedingungen, Traditionen und Erkenntnisweisen geprägt wurden.

Ohne die Dynamik der (damaligen) „Neuen Linken“, insbesondere des SDS, der bereits 1961 als akademischer Nachwuchsverband von der SPD verstoßen worden war, wäre die Entwicklung des Feminismus der 1970er Jahre nicht denkbar gewesen. Der SDS, dessen Mitglieder bereits 1961 aus der SPD ausgeschlossen worden waren, bildete während der 1960er Jahre eine zentrale Gruppierung der entstehenden außerparlamentarischen Opposition (APO). Mit der Bildung der großen Koalition von CDU/CSU/SPD 1966 stand der SDS an der Spitze der Protestbewegung, die die Gegenöffentlichkeit zur Politik der Bundesregierung formierte. Kurz vor seinem Auseinanderbrechen im November 1968 hatte der Verband rund 2.500 Mitglieder, darunter waren viele Frauen. Im SDS selbst waren sie keineswegs – wie oft dargestellt – die kaffekochenden Tippsen. Laut Helke Sander war der SDS im Vergleich zu anderen Verbänden attraktiv für Frauen, weil sie dort intellektuell eine eigene Position gewinnen konnten.[6] Die sogenannten 68er setzten dennoch eine Tradition fort, die sich auch in den Frauenbewegungen um die Jahrhundertwende gezeigt hatten: trotz vielfältigen politischen Engagements, das die Akteuerinnen auszeichnete, blieben die spezifischen Probleme, die Frauen aufgrund ihrer Zuständigkeit für Haus- und Sorgearbeiten hatten, wie auch ihre sexuellen und reproduktiven Rechte, lange Zeit kein zentrales Thema.[7] Auch in den linkssozialistischen Frauenbewegungen blieb die „Frauenfrage“ immer ein Nebenwiderspruch neben dem Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit.[8] Das sollte sich ändern: „Soviel ist sicher, dass es keinen Feminismus ohne Sozialismus geben kann und keinen Sozialismus, ohne Feminismus“, das betonte die Gruppe Brot und Rosen zu denen auch Helke Sander gehörte, im Frauenhandbuch 1. Der „gedachte und als selbstverständlich vorausgesetzte Zusammenhang von Sozialismus und Feminismus“ war allerdings durchaus umstritten.[9]

Die heftig umstrittene, bis heute anhaltende Diskussion um den Frankfurter Tomatenwurf, lässt sich als Anzeichen für die außerordentliche Bedeutung lesen, die diesem ‚Urerlebnis’ (Schildt), das mit dem symbolischen Beginn der Neuen Frauenbewegungen in Westdeutschland einherging, später beigemessen wurde. Bevor die Tomaten flogen, hatte Helke Sander am 13.9.1968 als Delegierte des Westberliner „Aktionsrates zur Befreiung der Frau“ auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt/Main allerdings eine Rede gehalten.[10] In dieser – weniger „sattsam bekannten“ provokativen Rede konfrontierte sie die Konferenz mit der Analyse und den Forderungen des Aktionsrats. Sie stellte klar, dass die Unvereinbarkeit von Kindererziehung und außerhäuslicher Erwerbsarbeit nicht das persönliche Versagen der Frauen ist, sondern das Versagen der Gesellschaft, die diese Unvereinbarkeit gestiftet hat, indem sie Frauen ins „Private“ verbannt hat; d.h. in ein Privatleben, das von den Produktionsbedingungen abhängig ist, die die linken Männer bekämpften. Helke Sander warf den männlichen SDS-Mitgliedern unter anderem vor, die spezifische Ausbeutung der Frauen in diesem privaten Bereich zu tabuisieren. Sie bezeichnete den SDS als „ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse“, als eine Organisation, die bestimmte Bereiche des Lebens vom gesellschaftlichen abtrenne und tabuisiere, indem sie ihnen eben dieses Etikett „Privatleben“ gebe.


Ihre Rede schloss sie mit den Worten:

„Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener, konterrevolutionärer Hefeteig. Die Genossinnen werden dann ihre Konsequenzen zu ziehen wissen.“[11]

Da die männlichen Delegierten nicht bereit waren, ihre Thesen zu diskutieren, und weder der nächste Redner, Hans-Jürgen Krahl, noch jemand sonst, mit einem einzigen Wort auf ihren provokanten Beitrag eingingen, noch der ausschließlich männlich besetzte SDS-Vorstand sich einmischte, warf die Berliner Studentin Sigrid Rüger die später berühmt gewordenen Tomaten, von denen auch die am SDS-Vorstandstisch sitzenden etwas abbekamen und die Frauen zogen ihre Konsequenzen. Zunächst habe Sigrid Rüger noch dem Cheftheoretiker Hans-Jürgen Krahl entgegengeworfen: „Du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu!“[12] Daraufhin habe sie nacheinander die Suppentomaten geworfen. Nach einigen Momenten vollkommener Stille sei schließlich der bekannte Tumult ausgebrochen. Es waren weniger die Tomaten den Tumult auslösten, als vielmehr die Tatsache, dass diese Form des Protests nicht gegen das so genannte Establishments gerichtet war, sondern gegen den Kopf eines bewunderten Theoretikers der Bewegung. Die Tomaten waren lange reif, denn die Auseinandersetzung um die Diskriminierung der weiblichen SDS-Mitglieder lief schon länger. Bereits am 15. Januar 1968 gründeten sieben SDS-Frauen, darunter Helke Sander und Marianne Herzog, in Berlin den „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“. Er verstand sich als Teil der Studentenbewegung und identifizierte sich mit den Zielen des SDS. Freilich ging die Thematisierung der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung und des gewaltförmigen Geschlechterverhältnisse durch den Aktionsrat darüber hinaus und führte schließlich zu der kritischen Intervention Helke Sanders.

Die Rede Helke Sanders und der durchaus nicht von allen – auch nicht von allen SDS-Frauen - gebilligte Tomatenwurf führten noch am gleichen Tag zur Gründung von „Weiberräten“ durch Frauen der verschiedenen SDS-Landesverbänden. Sie verfassten Resolutionen, die am nächsten Vormittag verlesen wurden. Diesen Aktionen folgte die Gründung von Frauengruppen in vielen deutschen Universitätsstädten und später auch in anderen größeren und kleineren Orten der Bundesrepublik.

Es waren gerade die engagiertesten Frauen im SDS, die aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen den Widerspruch zwischen politischen Ansprüchen und Theorien und praktischem frauendiskriminierenden Verhalten ihrer Männer und Freunde nicht weiter ertragen wollten. Sie kritisierten, dass diese sich einerseits als Avantgarde begriffen, gegen Unterdrückung und Unrecht kämpften sowie die Emanzipation der Arbeiterklasse forderten, sich aber selbst den weiblichen SDS-Mitgliedern und ihren und Partnerinnen gegenüber reichlich autoritär verhielten. Ulrike Meinhof ging so weit, dass sie behauptete, „dass die Männer in dieser Privatsphäre objektiv die Funktionäre der kapitalistischen Gesellschaft zur Unterdrückung der Frau sind, auch dann, wenn sie es subjektiv nicht sein wollen.“[13]

„Das Private ist politisch“ wurde zur Losung der neuen Bewegungen. Der Weiberrat formulierte: „Es gilt, Privatleben qualitativ zu verändern und diese Veränderung als revolutionären Akt zu verstehen“.[14]

In Erweiterung des traditionell männlichen Politikbegriffs sollte die politische Dimension und die Veränderbarkeit scheinbar privater Beziehungsstrukturen hervorgehoben werden. Es ging um eine zentrale Kritik der patriarchalen Abhängigkeit und Unterdrückung und damit um eine grundlegende Veränderung des linken Politikverständnisses, das die traditionelle politische Theorie und Praxis grundsätzlich in Frage stellte und individuelle und gesellschaftliche Emanzipation im Zusammenhang sah. Die Entstehungsgeschichte der neuen Frauenbewegungen ist also keinesfalls als eine Opfergeschichte zu sehen. Die von ihr vorangetriebene Politisierung des Alltags, auch das Hinterfragen ihrer eigenen Autoritäten, begünstigte es, die männliche Dominanz aufzudecken und anzugreifen.[15] Das verlief freilich nicht immer konfliktfrei. Es hieß auch, die strukturellen Ursachen der Ungleichheit zu analysieren und Handlungsstrategien zu entwickeln für das Recht auf erotische, berufliche und gesellschaftliche Teilhabe und für die Verbindung von Theorie und Praxis.

 

Das Private ist politisch

Das „Private ist politisch“ hieß, wie es Ulrike Meinhof formulierte, nicht, „dem permanenten Ehekrach das Wort zu reden“, sondern vielmehr den Krach öffentlich zu machen.[16]

Meinhof kritisierte Reimund Reiches Vorschlag, den er offensichtlich nach dem Tomatenwurf für die Frauen bereithielt, doch einfach den Geschlechtsverkehr zu verweigern. Denn damit bestätigte Reiche Helke Sanders Vorwurf, dass die Männer den Konflikt verdrängten, denn auch er wollte ihn in die Privatsphäre zurückverweisen.[17] Der im SDS-Organ „Neue Kritik“ erschienene Bericht über die Delegiertenkonferenz ging mit keinem Wort auf die Provokationen der SDS-Frauen ein, obwohl in der gleichen Nummer die „Strategie der direkten Aktion“ diskutiert wurde.[18]

Helke Sander sagte 30 Jahre später, dass die SDS-Frauen ihre Positionen in die Verbandspolitik eingebracht hätten, aber sie selbst hätten bis dahin ebenso wie die Männer des SDS die Geschlechterfrage ausgeklammert. Sie bezeichnete den „aggressiven Akt gegen die SDS-Männer in Frankfurt“, als einen Vorgang, durch den sie „zum ersten Mal Zivilcourage in Aktion erlebt“ habe. Das Anliegen ihrer damaligen Rede sah sie darin, „den geschätzten Genossen unmissverständlich klarzumachen, dass wir [Frauen] ein Potential sind im gemeinsamen Interesse, neue Probleme mitbringen, aber auch, daraus resultierend, neue Fähigkeiten“.[19] Sigrid Rüger ging es später darum, den Tomatenwurf zu entmystifizieren. Die neue Frauenbewegung sei durch den Tomatenwurf nicht aus dem Nichts herauskatapultiert worden, sie habe – ebenso wie die Studentenbewegung - benennbare Ursachen gehabt und sich wie diese als „Bewegung von Menschen“ entwickelt. Die Tomaten bezeichnete sie allerdings auch im Nachhinein als „gelungene Provokation zum richtigen Zeitpunkt“, die „der überfälligen und schon begonnenen Frauenbewegung einen kräftigen Auftrieb“ gegeben hätte.[20] Tatsächlich hatte der Tomatenwurf ein großes Medienecho und die Rede Sanders wurde zu einem Schlüsseltext für die Herausbildung der Frauenbewegungen.


Organisationsformen der neuen Frauenbewegungen

Die mit der artikulierten Unzufriedenheit einhergehende Solidarisierung der SDS-Frauen kontrastierte mit der Zerrissenheit der sich einander bekämpfenden SDS-Fraktionen. Die SDS-Frauen bezogen die Forderung nach einer radikalen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse auch auf ihre Positionen als Frauen in dieser Gesellschaft. Die Radikalisierung der Frauenbewegungen verlangte nach veränderten Geschlechterrollen und erzeugte Auseinandersetzungen zwischen männlichen und weiblichen Identitäten, die nun öffentlich diskutiert wurden. Das verlangte auch andere Organisationsformen. Der Schritt der autonomen Frauen, sich im Spannungsfeld zwischen öffentlichen und häuslichen Sphären eigene, ‚männerfreie’ Räume zu schaffen, indem sie ihre Erfahrungen, Vorstellungen und Träume, die sie aufgrund ihrer Sozialisations- und Lebensbedingungen geprägt hatten, in den Mittelpunkt stellten, war für die Männer und für viele Frauen neu. In der Geschichte der Sozialisten gab es nie eine isolierte ‚Frauenfrage’. Sie war immer eingebettet in die Klassenfrage und als ‚Nebenwiderspruch’ unter- bzw. nachgeordnet. Immer wieder betonten Sozialistinnen, dass ihnen nichts wichtiger sei, als an der Seite der Männer und auf keinen Fall gegen sie zu kämpfen.[21] Das betonten die Frauen der Sozialistischen Fraueninternationale (SIW, gegründet 1907), ebenso wie die Frauen im Internationalen Sozialistischen Kampfbund in der Weimarer Zeit (ISK) oder die Sozialdemokratinnen, die nach 1945 die demokratische Republik aufbauen wollten.

Nun behaupteten einige Frauen in Anlehnung an das marxistischen Klassenmodell sogar, „dass Frauen eine Klasse“ seien, sie unterschieden „die Klasse der Männer und die Klasse der Frauen“[22].

Der Versuch, Frauen als eigenständige Klasse zu konzipieren, da sie gegenüber Männern durchgängig benachteiligt seien, greift freilich zu kurz. Zu unterschiedlich sind die Interessen verschiedener Frauengruppen, ihre Vorstellungen und ihre Positionen in Beruf und Gesellschaft. Später bestimmte die Zusammenschau von Geschlecht, Klasse und Ehtnie die theoretische Analyse und politische Praxis.

Es wundert nicht, dass es besonders Männer waren, die Schwierigkeiten mit der Separation in eigene Frauenräume hatten. Die Aktivistin Silvia Bovenschen berichtete später, dass die Männer des SDS die separaten Diskussionen der Frauen zu stören versuchten und sie „mit Zetkin und Luxemburg darüber aufklären“ wollten, dass sie ihre Zeit mit „Nebenwidersprüchen“ vertun.[23] Christian Semler hatte bereits bei der Fortsetzung der SDS-Delegiertenkonferenz in Hannover 1968, nach einer Flugblattaktion der Frauen in einem Redebeitrag darauf hingewiesen, dass das Problem der notwendigen Separierung zur Artikulation ihrer Bedürfnisse und Herausarbeitung eigener klassenkämpferischer Strukturen bei den Frauen überlappt werde „von einem kleinbürgerlichen feministischen Aktionswahn“, der „in einer endlosen Selbstbespiegelung von kleinbürgerlichen Frauen“ unterzugehen und die Frauenbewegung auf eine linksbürgerliche Emanzipationsbewegung herabzudrücken drohe. Auch verwies er darauf, dass sich die SDS-Frauen in ihren Aktionsräten auf den Charakter der die Frauen ausbeutenden Industriearbeit hin orientieren sollten.[24] Ähnliches sollten sie noch öfter zu hören bekommen.

Tatsächlich wurde der Widerspruch, dass Männer zwar gemeinsam mit Frauen für sozialistische Ziele kämpfen wollten, dass Frauen aber allein verantwortlich für Haus- und Erziehungsarbeit waren, fast ausschließlich durch Frauen problematisiert. Sie mussten nicht nur Widerstände in der patriarchalischen politischen Kultur und bei vielen Männern überwinden, sondern sich auch mit den Weiblichkeits- und Männlichkeitsleitbildern sowie mit Rollenzuschreibungen auseinandersetzen, die auch sie verinnerlicht hatten.

Der Rückzug von den Männern wurde nach Ansicht der Frauen notwendig, um feministische Theorien und frauenpolitische Forderungen zu entwickeln und nach außen vertreten zu können. Das klang zunächst nach einer paradoxen Intervention. Schließlich wandte sich der Kampf der Frauen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung, die sie in einer von Männern dominierten Gesellschaft erfuhren. Nun wollten sie sich separate Räume schaffen, um ihrem Ausschluss entgegenzuwirken. Der Rückzug war als vorübergehende Separation zu begreifen, als eigenständige Organisation von Frauen und nicht als Organisation von Frauen gegen Männer. Die Abgrenzung von den Männern und ihren politischen Angeboten und Organisationen sollte nur so lange andauern, bis die Frauen ihr eigenes Selbstverständnis gefunden hatten und bis die Männer bereit waren, die Problematisierung und die Beseitigung der doppelten Unterdrückung von Frauen sowohl in ihre Theorien als auch in ihren Mobilisierungs- und Handlungsstrategien aufzunehmen.

Die Frauen entwickelten eigene Perspektiven und Diskurse und sie begannen die Suche nach geeigneten, vor allem links-sozialistischen Perspektiven und analytischen Kategorien für die Unterdrückung der Frauen. Sie wollten jedoch nicht länger in den Chor der männlichen linken Sozialisten einstimmen, dass die Emanzipation der Frau erst in einer Gesellschaft verwirklicht werden kann, die frei von Unterdrückung ist.[25] Ihnen ging es um Selbstbestimmung und Autonomie, um ein Leben ohne Gewalt und um die Möglichkeit der ökonomischen und politischen Teilhabe am Aufbau einer solchen Gesellschaft mitwirken zu können.

 

Letztlich war das Ziel die Solidarität mit den Männern und nicht der Geschlechterkampf. Allerdings konnten die Frauen die Männer auch nicht umstandslos als Bündnispartner betrachten, solange diese die Interessen der Frauen missachteten. Das Verhältnis war durchaus ambivalent. Besonders schwierig wurde die Situation für Frauen, die Männer liebten, die sie gleichzeitig wegen ihrer emanzipationsfeindlichen Haltung bekämpften.[26] Waren es doch vor allem die „Helden der Bewegung“[27], denen oft die Zeit fehlte, sich um die Organisation des ’privaten’ Zusammenlebens zu kümmern. So war das zunächst nicht beabsichtigte Organisationsprinzip ’gegen Männer’ nicht mehr vollends abzustreiten. Schließlich wollten sich die Frauen gegen die Bevormundung durch ‚ihre Genossen’ zur Wehr setzen und ihre eigenen Vorstellungen entwickeln. Peter Mosler bezeichnete den Aufstand der Frauen auf der 23. Delegiertenkonferenz als „Revolte in der Revolte“.[28] 

Der Weiberrat appellierte allerdings bereits an einen Verband, der seine Forderungen gar nicht mehr umsetzen konnte. Es kam zur Verwirklichung eigener frauenspezifischer Projekte und zur Gründung selbständiger Frauengruppen. Der Graben zwischen der antiautoritären und der traditionalistischen Fraktion, von der mehrere Mitglieder ausgeschlossen wurden, sowie der zwischen den Hochschulgruppen aus den Zentren West-Berlin und Frankfurt auf der einen und denen aus den kleineren Universitätsstädten, wie Heidelberg und Tübingen, auf der anderen Seite, vergrößerte sich zusehends. Am 21.3.1970 wurde der SDS zu Grabe getragen, SDS-Bundesvorstand und Bundesverband lösten sich auf. Damit endete die Phase der antiautoritär geprägten Rebellion der Studenten und der außerparlamentarischen Opposition. Die Frauenbewegung war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Der Rückzug der Frauen führte, obwohl er kein endgültiger sein sollte, zu Veränderungen von Mentalitäten und zur Eigenaktivität der Akteurinnen, zu neuen Aktions- und Organisationsformen und zu internationalen Vernetzungen.

Frauenzentren und autonome Frauenräume waren die logische Konsequenz der Separierung. Hier fanden Lese- und Diskussionsveranstaltungen statt, Theoriearbeitskreise, in deren Rahmen sich Frauen mit linkssozialistischen und linksfeministischen Positionen und Gesellschaftsanalysen befassten. Den Kern der neuen Bewegungen bildeten Kleingruppen, aus denen bei Aktionen, Kongressen und Demonstrationen schnell Netzwerke entstehen konnten. Aufgrund des basisdemokratischen Ansatzes sind sie bis heute wichtige Organisationsansätze ‚von unten’ - auch außerhalb der Frauenbewegungen. Die beteiligten Frauen wurden als Individuen mit ihren durchaus unterschiedlichen Erfahrungen ernst genommen und fühlten die Geborgenheit in einer Gruppe von Gleichgesinnten. Im Idealfall waren solche Gruppen in der Lage, aus der Verarbeitung persönlicher Erfahrungen Ansätze einer kollektiven Gesellschaftsanalyse zu leisten. Das funktionierte freilich nicht immer.

Zu den wichtigsten Inhalten der Frauenbewegungen gehörten der Kampf gegen Gewalt und Misshandlung gegen Frauen, gegen § 218, gegen die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung in Politik, Beruf und Familie, gegen die repressive Kindererziehung in der Kleinfamilie.

In den basisdemokratischen Organisationsformen grenzten sich die neu entstandenen Frauengruppen deutlich von etablierten Frauenverbänden wie von Parteien und Gewerkschaften ab. Die nach der Auflösung des SDS entstandenen streng hierarchischen Parteiorganisationen waren für die meisten Frauen nicht attraktiv.[29]

Neu geschaffene autonome Frauenprojekte schufen in den folgenden Jahren Frauenräume an allen Orten.[30] Es entstanden Kinderläden, Wohngemeinschaften, Buchläden, Verlage, Cafes, Frauenkalender, Frauenzeitungen, Frauenbetriebe, Frauenbildungshäuser u.v.a.m. Triebfeder für das Engagement war der Wunsch zur gemeinschaftlichen Arbeit, die möglichst von einer Gruppe im Konsens und bei gleichen finanziellem Risiko geleistet werden sollte. Hierarchien wurden als „männliche Strukturen“ abgelehnt. Zum Teil bestehen die Projekte heute noch.

Auch an den Analysen und Forderungen der Frauenbewegungen wird weiter gearbeitet, wenn auch in anderer Form.

 

Was folgt daraus?

Oft wird mir die Frage gestellt, ob wir eine neue Frauenbewegung brauchen.

Wie bei vielen Konferenzen wurden auch in den beiden vergangenen Tagen die Standpunkte der Männer analysiert und damit behauptet, man hätte etwas über die Gesellschaft im Allgemeinen gesagt. Das erscheint absurd, weil die Gesellschaft, die von den Linkssozialisten kritisiert wird, also die bürgerlich-kapitalistische, eine Gesellschaft ist, die ganz fundamental auf der Unterdrückung der Frauen aufbaut und die überhaupt nur deshalb funktioniert, weil Frauen und Männern unterschiedliche Funktionen zugeschrieben werden. Diejenigen, die darauf hinwiesen, waren auch in der Geschichte der Linkssozialisten immer wieder Frauen und sie wurden oft nicht gehört, auch nicht zu allgemeinen Themen, wenn sie sich nicht selbst ermächtigt haben. Das ist offensichtlich immer noch so – auch wenn keine Tomaten mehr fliegen.

Soziale Gleichheit und Gleichheit der Geschlechter ist ein langer Kampf und er ist nicht ausgestanden. Dennoch haben Frauenbewegungen nicht nur das Leben der in ihnen aktiven Frauen verändert. Sie haben auch auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern gewirkt und auch manche der – wie und wo auch immer - beteiligten Männer machen sich verstärkt Gedanken um ihre Rollen.

Eine links-sozialistische Bewegung, die von beiden Geschlechtern getragen wird, könnte allerdings erst dann entstehen, wenn Frauen und Männer das Begehren nach einer geschlechtergerechten Gesellschaft entwickeln und wenn die theoretischen Konzepte mit politischen Zielvorstellungen verbunden würden und Eingang in praktisches politisches Handeln fänden. Es wird höchste Zeit sich auf gemeinsame Ziele zu einigen, auch wenn das Entwickeln von realen Utopien nicht gerade „in“ ist. Für linke Politik wird es dringend notwendig, sich darauf zu einigen, dass soziale und geschlechterspezifische Ungleichheit und geschlechterhierarchische Teilung von Arbeit, Verantwortung, Einfluss und Einkommen ebenso wenig wie verseuchtes Wasser und verpestete Luft zum „guten Leben“ gehören.

 

 


[1] Axel Schildt: Rebellion und Reform. Die Bundesrepublik der Sechziger Jahre, Bonn 2005.

[2] Iris Gusner/Helke Sander: Fantasie und Arbeit, Marburg 2009, S. 124.

[3] Ebda.

[4] Es ist Absicht, dass keine oder nur gelegentlich Namen der Aktivistinnen genannt werden. Es braucht sich also niemand die Mühe machen, darüber nachzudenken, wen ich vergessen haben könnte.  

[5] Frauenhandbuch 1, herausgegeben und hergestellt von Frankfurter Frauen, Frankfurt/Main 1975, S. 277 f.

[6] Helke Sander, in: Ute Kätzel, Die 68erinnen. Portrait einer rebellischen Frauengeneration, Berlin 2002.

[7] Vgl. Gisela Notz: Warum flog die Tomate? Die autonomen Frauenbewegungen der Siebzigerjahre. Neu-Ulm 2006.

[8] Vgl. die Werke von Clara Zetkin, Ottilie Baader, Alexandra Kollontai u. a.

[9] Frauenhandbuch 1, S. 28.

[10] Der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen war im Januar 1968 durch sieben SDS-Frauen, darunter Helke Sander, als erste Frauengruppe der Neuen Frauenbewegungen in Berlin gegründet worden. Die Rede ist abgedruckt: Helke Sander: Rede des „Aktionsrates zur Befreiung der Frauen“, in: Ann Anders (Hg.): Autonome Frauen. Schlüsseltexte der Neuen Frauenbewegung seit 1968, Frankfurt/Main 1988, S. 39 – 47.

[11] Ebenda, S. 47.

[12] Alice Schwarzer: 1968. Bräute der Revolution, in: So fing es an! Köln 1981, S. 13 – 19, hier: S. 13.

[13] Ulrike Meinhof: 1968: „Frauen im SDS oder In eigener Sache“, in: Konkret vom 7.10.1968.

[14] Zitiert nach Ursula Nienhaus:  Wie die Frauenbewegung zu Courage kam. Eine Chronologie, in: Gisela Notz (Hg.): Als die Frauenbewegung noch Courage hatte. Die „Berliner Frauenzeitung Courage“ und die autonomen Frauenbewegungen der 1970er und 1980er Jahre, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung2007, S. 7 – 22.

[15] Ilse Lenz: „Bewegungen und Veränderungen. Frauenforschung und Neue Frauenbewegungen in Deutschland, Manuskript, Bochum, o.J.

[16] Meinhof 1968.

[17] Ebd.

[18] Willy Albrecht: „Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Vom parteikonformen Studentenverband zum Repräsentanten der neuen Linken, Bonn 1994, S. 469.

[19] Helke Sander, Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt, in: Heinrich-Böll-Stiftung Feministisches Institut (Hg.): Wie weit flog die Tomate? Berlin 1999, S. 43 - 56.

[20] Sigrid Damm-Rüger: Antiautoritärer Anspruch und Frauenemanzipation – die Revolte in der Revolte, Berlin Mai/Juni 1988, Manuskript, S. 3 - 5. 

 

[21] Vgl. Gisela Notz: „Frauen in der Mannschaft. Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49 – 1957, Bonn 2003.

[22] Shulamith Firestone: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, Frankfurt/M., 1975, S. 9.

[23] Interview mit Silvia Bovenschen: „Sexuell befreite Spießer“, in: Die Tageszeitung vom 28.12.2007.

[24] TilmanFichter/Siegward Lönnendonker: Macht und Ohnmacht der Studenten. Kleine Geschichte des SDS, Hamburg 1998, S. 201.

[25] Aktionsrat zur Befreiung der Frauen: Wir sind neidisch und wir sind traurig gewesen, Dokument in: Ilse Lenz (Hg.): Die neue Frauenbewegung in Deutschland, Wiesbaden 2008, S. 54.

[26]  z. B. Frauenjahrbuch 1, 1975, S. 248 ff.

[27]  Mona Steffen: „SDS, Weiberräte, Feminismus?“, in: Wolfgang Kraushaar (Hg.): Frankfurter Schule und Studentenbewegung,“ Hamburg 1998, 126 – 140, hier: 131.

[28] Peter Mosler: Was wir wollten, was wir wurden. Studentenrevolte – zehn Jahre danach, Reinbek 1977, S. 159.

[29] Vgl. Gusner/Sander, S. 123.

[30] Margit Brückner /Simone Holler: „Frauenprojekte in der sozialen Arbeit“, Frankfurt/Main, 1990.