Arbeitsbegriff erweitern? Grundeinkommen fordern? Die Arbeiten zu Hause gleichwertig neben die Lohnarbeit stellen? Radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit? Die Gesellschaftliche Gesamtarbeit neu besichtigen und verteilen? Zeit für Lernen und Entwicklung einräumen? Die Bevölkerung an der Entscheidung der herzustellenden Produkte beteiligen? Mehr Demokratie?
Das sind nicht allein Dimensionen der Vier-in-Einem Perspektive und auch nicht bloß Streitpunkte in der Diskussion der LINKEN um ihr Programm, sondern Elemente des Projekts, mit dem Oskar Lafontaine vor 23 Jahren seine Kanzlerkandidatur vorbereitete.
Sein Buch zur Gesellschaft der Zukunft. Reformpolitik in einer veränderten Welt erreichte binnen sechs Monaten drei Auflagen mit insgesamt 50.000 Exemplaren. Es zog eine polemische Medienkampagne und Empörung in den Gewerkschaften auf sich, weil er die Formel vom vollen Lohnausgleich bei Arbeitszeitverkürzung in Frage stellt, auch wenn er das nur für Einkommen über 5000 DM tat; weil er ferner ein Grundeinkommen und eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf sechs Stunden forderte, damit die Familienarbeit geteilt werden könnte und ein Schritt in Richtung Frauenbefreiung getan würde. Frauenunterdrückung hielt er für ein strukturelles Problem der Industriegesellschaft und wollte dem Antifeminismus auch in der Arbeiterbewegung und der historischen Arbeitsteilung zu Leibe rücken. Dafür müssten die großen Teilungen der Arbeit aufgehoben werden, der Arbeitsbegriff neu gefasst werden unter Einbeziehung aller Arbeiten, ein Mindesteinkommen gesichert sein und andere Familienformen als die Kleinfamilie möglich sein.
Das Buch wurde damals in einem Projekt der Hamburger Universität für Wirschaft und Politk (HWP) sorgfältig durchgearbeitet, die Medienkampagnen ebenso vorgestellt, wie die Reaktionen aus Gewerkschaften und Partei, um dann das ganze Lafontaine-Projekt als Vorlage für eingreifende Sozialforschung zu nutzen. Das heißt, das Buch wurde von Frigga Haug mit einer Gruppe Studierender an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik in politische Fragen übersetzt, diese in einen Widerspruchsrahmen gestellt und in nach ihrer ökonomische Lage unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen diskutiert, so zugleich die Studierenden als auch die befragten Menschen in die Gestaltung von Gesellschaft einbeziehend.
Angesichts der verblüffenden, ja beklemmenden Aktualität 23 Jahre später steht der Bericht über das Gesamtprojekt zum Auftakt des Hamburger Wahlkampfes nun bei der LINKEN. NRW im Internet.
Er ist ein fantastisches politisches Lehrstück.
Katharina Schwabedissen