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neszeri / DIE_LINKE_NRW

Grußwort Ulf Arne Kristal, Deutsche Aidshilfe/Aidshilfe Bielefeld

Liebe Genossinnen um Genossen, es ist schon außergewöhnlich, wenn ein Vorstand einer Aidshilfe zu einem Parteitag eingeladen wird, um ein Grußwort zu halten. Um so mehr freut es mich, dass ich am heutigen Tag Sie hier bei euch sein darf.

Heute ist Welt-Aids-Tag, der Tag, der von der WHO erstmals in 1988 ausgerufen wurde und zur Solidarität mit HIV-Positiven und an Aids erkrankten Menschen aufruft.

Es ärgert mich, wenn dieser Tag nur dazu genutzt wird, um Präventionsbotschaften zu verbreiten oder an die Toten zu erinnern. Wir sterben nicht mehr an Aids, wir sterben am Leben.

Solidarität notwendig ist weiterhin notwendig. Weil wir gemeinsam daran arbeiten können, dass niemand mehr an Aids erkranken muss. Das bedeutet, dass das HIV-Virus behandelt wird und nicht die schweren Immundefekte entstehen, die letztendlich zu Aids führen.

Um das zu erreichen braucht es zwei wesentliche Faktoren: keine Diskriminierung und Zugang für alle.

Lasst mich als  erstes auf den letzten Punkt eingehen:
Zugang für alle zu Präventionsangeboten, zu Testangeboten und zur Behandlung:

Auch in Deutschland ist der Zugang nicht immer gegeben, die Versorgung lückenhaft.

Schauen wir auf den Zugang zur Behandlung außerhalb der Ballungsgebiete in den ländlichen Raum OWL. Hier in Bielefeld gibt es eine HIV-Schwerpunktpraxis und die Infektionsambulanz in Bethel. An allen anderen Orten gibt es keine Versorgung. Menschen mit HIV müssen mehrere Stunden Wegezeiten auf sich nehmen, um sich entweder mit PrEP vor einer Übertragung schützen zu können oder gegen HIV behandelt zu werden. Damit werden gerade Menschen mit niedrigem Einkommen vor große Hürden gestellt. Behandlung und Schutz werden unerreichbar.

Auch die medizinische Notfall-Hilfe, wenn es eine mögliche Übertragung gegeben hat, die PostExpositionsprophylaxe PEP, ist nur in Bielefeld sichergestellt. Suchen Sie in Paderborn eine Notfallambulanz auf, um die PEP zu bekommen: Fehlanzeige. Keines der Krankenhäuser bietet die PEP an, obwohl es hier auf eine schnellstmögliche Behandlung ankommt.

Auch in den Knästen auch in NRW ist der Zugang zu Prävention, Test und Behandlung schwierig. Kondomausgabe und Spritzenaustauschprogramme in Knästen? Versuchen Sie das mal durchzubekommen. Das würde ja bedeuten, dass man zugibt, dass es in den Gefängnissen in NRW zu Sex zwischen Männern kommt und Drogen konsumiert werden.

Mit Besorgnis sehe ich auf den Bereich der Prostitution. Das unsägliche Prostituiertenschutzgesetz schützt nicht Sexarbeiter_innen, sondern ist im Wesentlichen ein Versuch gewesen unsere ach so moralische Gesellschaft vor der Prostitution zu schützen. Der Bekämpfung von Menschenhandel, Ausbeutung etc. hat das Gesetz nicht geholfen. Vielmehr drängt es Sexarbeiter_innen in die Illegalität. Prostitution findet im Verborgenen statt. Damit haben Menschen keinen Zugang zu Präventions- und Behandlungsangeboten. Und jetzt gibt es eine überparteiliche Initiative für ein Sexkaufverbot nach skandinavischem Modell. Es wird zu einer Verschärfung der Situation führen. Hier werden nicht Menschen geschützt, sondern unsere biedere Gesellschaft vor der Unmoral.

Und zu guter Letzt: Haben wir schon Lösungen für Menschen ohne Papiere oder ohne Krankenversicherung? Wie stellen wir hier den Zugang zur Versorgung sicher?

Hier braucht es eure politische Unterstützung, um Lösungen zu finden

Schauen wir auf den Punkt: keine Diskriminierung.

Unser Ziel ist das Ende der Diskriminierung.

Als Mensch HIV lebe ich wie alle anderen. Am Arbeitsplatz, in der Freizeit und auch in der Partnerschaft beeinträchtigt mich das Virus nicht. Es ist gut behandelbar. Die Medikamente verhindern die Vermehrung von HIV im Körper und schützen so meine Gesundheit. Ein wunderbarer Nebeneffekt der Medikamente ist: Unter Therapie ist HIV nicht mehr übertragbar – selbst beim Sex .

Was mich aber behindert sind Zurückweisung, Schuldzuweisungen und Benachteiligung, kurz Diskriminierung.

Diskriminierung hat weitreichende Folgen: Sie ist eine psychische Belastung und kann krankmachen. Diskriminierung und dramatische Vorstellungen vom Leben mit HIV schrecken außerdem Menschen vom Test ab – und damit von der Behandlung. 1.000 Menschen erkranken deswegen jährlich an Aids oder einem schweren Immundefekt, obwohl dies längst vermeidbar ist. In NRW sind es 230…

Diskriminierung entsteht meist aufgrund irrationalen Infektionsängsten, veralteten Vorstellungen vom Leben mit HIV oder moralischen Urteilen über das (vermutete) Leben von Menschen mit HIV, zum Beispiel über schwule Männer. Genau da setzt unsere Arbeit als Aidshilfen an:
Wir vermitteln realistische Vorstellungen vom Leben mit HIV, setzen uns für Offenheit ein und machen deutlich, dass man mit HIV-positiven Menschen in jeder Hinsicht entspannt zusammenleben kann“

Ich habe vorhin schon gesagt: Unter Therapie ist HIV nicht mehr übertragbar!
Dieses Wissen ist aber noch nicht in der Bevölkerung verankert. Nur 10 Prozent der Bevölkerung kennen die gute Nachricht, die Ängste nehmen, und so Stigmatisierung verhindern kann.

Als Aidshilfen weisen wir auch in diesem Jahr mit unserer Kampagne #wissenverdoppeln darauf hin. Wir wollen das Wissen verdoppeln, bis alle Bescheid wissen. Diese erleichternde Botschaft sollte heute zur Allgemeinbildung gehören.

Hier kann jeder von Euch etwas tun.

Zu guter Letzt: Seit einigen Jahren nehmen wir einen Rollback in der Gesellschaft war. Nazis sitzen in unseren Parlamenten. Alte Vorurteile und Moralvorstellungen tauchen wieder auf. Minderheiten werden ausgegrenzt, gegeneinander ausgespielt, diffamiert. Längst überwunden geglaubtes faschistisches Gedankengut wird wieder sprechfähig.
Das widerspricht unseren Werten und unseren Vorstellungen von einer gesellschaftlichen Vielfalt. Das behindert unsere Arbeit.

Deshalb müssen auch wir als Aidshilfen immer dann politisch sein, wenn die Grundlagen unserer Arbeit bedroht sind. Pläne, die Gemeinnützigkeit von Vereinen infrage zustellen, wenn sie sich im Rahmen ihrer als gemeinnützig anerkannten Aufgaben politisch betätigen ist eine Absage zu erteilen. Ihr habt zu dieser Themenlage bezüglich des VVN Anträge vorliegen. Entscheidet weise

Wir werden immer dann den Mund aufmachen, wenn wir es als notwendig erachten. Deshalb sind wir ein Teil der Bewegung #unteilbar. Deshalb unterstützen wir Aufrufe zu Demonstration gegen einen Parteitag einer Partei, die gemäß ihrer Programmatik für Ausgrenzung, Nationalismus und Diskriminierung steht und damit gegen den Satzungsgemäßen Auftrag der Aidshilfen. Und deshalb knicken wir auch dann nicht ein, wenn wir aufgrund unsere Haltung wie vor einer Woche einen Shitstorm von rechts erleben…

Gemeinsam können wir die Grundlagen für ein ganz selbstverständliches Leben mit HIV schaffen – Solidarität bedeutet, sich dafür stark zu machen.

Ich wünsche Euch weiterhin gute Beratungen Eurer Anträge und einen erfolgreichen Tag.
Vielen Dank!