Öffentlicher Nahverkehr erfüllt Kriterien für Olympia nicht

Wolfgang Freye, Ko-Fraktionsvorsitzender Die Linke im Regionalverband Ruhr (RVR)

Eine der größten offenen Flanken der Region an Rhein und Ruhr.

 

Das Ruhrgebiet nennt sich manchmal „Metropole Ruhr“, obwohl eins der wesentlichen Kriterien für eine Metropole nicht erfüllt wird: Ein guter, pulsierender Öffentlicher Nahverkehr (ÖPNV), mit dem man schnell und preisgünstig überall hingelangt. Eine vergleichende Studie der damals neu gegründeten Wirtschaftsförderung Ruhr hat bereits 2008 festgestellt, dass das Ruhrgebiet beim Autoverkehr sehr gut ins europäische Netz eingebunden ist und eine der höchsten Autobahndichten hat, beim ÖPNV aber das Schlusslicht bildete. Sein Anteil am Gesamtverkehr lag vor 18 Jahren bei 11 %. Spitzenreiter war Berlin mit 25 %, gefolgt von München mit 22 % und London mit 19 %.

In der gesamten Region Rhein-Ruhr sah und sieht es nicht viel besser aus. Nach dem kläglichen Scheitern des Metrorapid ist der Rhein-Ruhr-Express (RRX) zwar bereits 2006 als größtes Schieneninfrastrukturprojekt des Landes NRW initiiert worden. Doch erst 10 Jahre später, 2016, wurde das Projekt als „vordringlicher Bedarf“ in den Bundesverkehrswegeplan 2030 aufgenommen. Eine Fertigstellung des RRX-Netzes mit insgesamt sieben Linien ist nach derzeitigem Stand vor 2032 bis 2035 kaum zu erwarten – weit mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Start. Und mit dem Ausbau des RRX wäre dann gerade mal die Hauptachse Dortmund-Köln des Regionalverkehrs bei einem 15 Minuten-Takt – mehr nicht.

Verkehrsprojekte dauern also lange. Umso mehr erstaunt es, dass die Landesregierung meint, die strengen Kriterien des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) für eine Bewerbung womöglich schon bis 2036 erfüllen zu können. Eine der Vorgaben für Olympische und Paralympische Spiele ist nämlich, dass die Spielorte im Umkreis von 50 km um das Olympische Dorf liegen sollen und von dort innerhalb einer Stunde erreichbar sein sollen. Außerdem sollen 90 % der Wettkampfstätten in nicht mehr als 15 Minuten zu Fuß von ÖPNV-Anbindungen erreichbar sein.

Diese Vorgaben erreicht Rhein-Ruhr nicht. Nachdem Ministerpräsident Hendrik Wüst Köln zur „Lead City“ der Bewerbung erklärt hat, ist klar, dass das Olympische Dorf nicht in Essen, sondern in Köln errichtet werden soll. Dort müssen nach den Vorgaben mehr als 70 % aller Sportler*innen untergebracht werden. Die Luftlinien-Entfernung von Köln nach Dortmund ist jedoch 74 km, nach Recklinghausen 76 km, nach Gelsenkirchen 65 km und selbst nach Aachen 64 km. Für die genannten Ziele und etliche weitere braucht man unter normalen Verkehrsbedingungen zum Teil deutlich über eine Stunde Fahrtzeit mit dem Auto.

Doch gerade wenn man nachhaltige Spiele will, müsste man ja vor allem auf den ÖPNV setzen. Zumindest für die Masse der Besucher*innen wird er das wichtigste Transportmittel sein. Damit ist man jedoch noch viel weiter von den Vorgaben entfernt.

Die Strecke Köln-Dortmund dauert selbst im Fernverkehr in der schnellsten Verbindung 1:10 Stunden. Im Regionalverkehr muss man mit 1:25 Stunden bis 1:40 Stunden rechnen – und zwar jeweils von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof, d.h. der Weg zur Wettkampfstätte kommt noch dazu. Nach Recklinghausen wären es im Fernverkehr bei wenigen vorhandenen Verbindungen 1:14 Stunden, im Regionalverkehr eher 2 Stunden und mehr – wie gesagt, von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof. Bei Herten wären es dann schon mal 2:30 Stunden.

An diesen Fahrtzeiten wird auch der RRX nicht sehr viel ändern, da Querverbindungen z.B. von Nord nach Süd gerade im Ruhrgebiet fehlen. Und ein weiterer flächendeckender Ausbau über den RRX hinaus, wie er nötig wäre, ist noch gar nicht geplant. Er dürfte sich angesichts der notwendigen Planungs- und Bauzeiten selbst bis 2044 nicht verwirklichen lassen.

Paris galt als ein Olympia der kurzen Wege und das war ein Kern des Nachhaltigkeitskonzepts, mit dem die Stadt für sich geworben hat. Auch das Olympische Komitee sieht das im Ergebnis als positiv an. Davon kann an Rhein und Ruhr keine Rede sein, die Bedingungen sind viel schlechter als in München, Hamburg oder Berlin. Dort läuft der ÖPNV tatsächlich metropolenmäßig – kurze Wege, schnelle Verbindungen und enge Taktungen. Die Bewerbung der insgesamt 17 Städte ist also nicht sehr aussichtsreich. Statt Luftschlössern nachzulaufen, sollte die Landesregierung mit dem geplanten NRW-Verkehrsverbund baldmöglichst eine umfassende Planung zur Verbesserung des ÖPNV über den RRX hinaus in Auftrag geben und finanzieren. Das ist komplex genug, auch ohne Olympia.